Be´shan-art


Kurzgeschichten

Freiwilliges Gefängnis


 

An einem ganz normalen und unscheinbaren Tag weckte mich ein für meine Gegend ungewöhnlicher Lärm aus dem Schlaf. Ich zog mich schnell an, machte die Tür auf und sah im Treppenhaus ein seltsames Bild:

Alle meine Nachbarn, allesamt in Polizeiuniformen angezogen, waren dabei, das Haus hastig umzugestalten!

Nichts sah so aus wie vorher, alles wirkte nun streng und behördenähnlich. Die Nachbarn sahen mich sekundenlang sehr argwöhnisch an und machten dann äußerst bemüht weiter. Ich erörterte nichts mehr mit ihnen, machte die Wohnungstür zu und ging hinaus.

Auch die Umgebung sah ungewöhnlich aus: Die Orangerote Sonne verkroch sich hinter den dunkeln Purpur Wolken und gab der Gegend einen in Erdöl gekochten Ausdruck. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die Passanten sah:

Jede/r hatte die Polizeiuniform an!!!

Und an Stelle der Hausnummer stand nun riesig POLIZEI.

Ich versuchte einige von ihnen anzusprechen, doch niemand wollte sich mit mir unterhalten und sie meldeten etwas über mich per Funk weiter. Minutenschnell kam ein Polizeiauto und ich wurde verhaftet, eher ich zur U-Bahn kam. Weit mussten wir nicht fahren, da jedes Gebäude bereits ein Polizeirevier war.

Die Nachricht von meiner Verhaftung verbreitete sich schnell, Presse, Fernsehen und Radio berichteten schon eifrig darüber. Die Journalisten, natürlich auch in selben Uniformen gekleidet, versuchten vergeblich mich zu erreichen und zu interviewen…

„Wie haben Sie es geschafft?“

„Woher so viel Mut?“

„Was erwarten Sie vom Gericht?“

Hörte ich, in einer Zelle eingesperrt, ihre lauten Fragen.

Ich sah aus dem Gitterfenster, wie die immer dunkel werdenden gewaltigen und aggressiven Wolken die verkleinerte rote Sonne verfinstert hatten….

„Weswegen werde ich eigentlich beschuldigt?“ Fragte ich hinter dem Gitterfenster auf und ab laufenden Polizisten, der mich scheinbar bewachte und seine Ohren vor mir verschloss.

Es ist bemerkenswert, dass man alle übrigen Zellen schon vollständig geleert hatte. Die Polizeiuniformen wurden auch den Gefangenen ausgeteilt und sie dann in die Freiheit entlassen. Und all das in einer sehr feierlichen Stimmung.

„Wieso widersetzt du dich?“ Sprach mich plötzlich der dicke Wachmann an, „was glaubst du wohl? Kriegen wir hier etwa unsere Löhne umsonst???“

Was meinte er aber damit? Wogegen widersetzte ich mich eigentlich? Beschuldigten sie mich vielleicht nicht ihresgleichen geworden zu sein? Der Gedanke an die Zukunft und die unerträglichen Bedingungen der Haft, ließen mich sagen, dass ich auch bereit wäre, falls sie mich entlassen würden, die Polizeiuniform anzuziehen.

„Du hast dich verspätet!“ Antwortete mir der Wachmann und gähnte dabei genüsslich. „es ist schon alles verteilt!“

„Was wird dann aus mir?“ Fragte ich nach, „wie lange muss ich noch bei euch bleiben?“

Er zögerte mit der Antwort und sprach dann mit einschmeichelndem Lächeln weiter:

„Wieso begreifst du nicht, dass du schnell entlassen wirst!? Wer braucht dich hier?“ Der Wachmann deutete nach draußen. „Da ist dein Platz. Wenn wir dich auch hier behalten, was hat dann unsere Arbeit für einen Sinn!?“

Seine Worte machten mich am Anfang froh, aber später dachte ich darüber nach… Und dann? Was wird dann?

 

Die Zeit ist schnell vergangen. Ich warte heute noch auf meine Entlassung, die sich, so weiß ich, nicht mehr lange hinziehen wird. Ich weiß mittlerweile auch, dass sie mich gehen lassen werden, weil sie einen brauchen, der immer beschuldigt werden kann, etwas begangen zu haben, einen Sündenbock, der stets parat steht, verhaftet zu werden, einen, den sie jeden Tag belangen können, in unserem freiwilligen Gefängnis, das man notfalls Freiheit nennt, in deren Genuss ich in Kürze wieder kommen werde.

 

 

Das Ende einer Stadt

In Misanthropa herrschte dauernde Unruhe... Es gab keine Ordnung in den Familien, Kneipen, Arbeitsplätzen, allgemeinen menschlichen Beziehungen. Man nannte viele Gründe dafür, aber niemand glaubte an die Prophetie eines Misanthropaners:

"Unsere Stadt wird Opfer des Horoskops."

In diesem Jahr haben die Astrologen ein neues Horoskop gestellt, in dem es schwarz auf weiß stand, dass die Menschen auf keinen Fall an die Prophetie glauben dürften. Es stand da auch, dass neugeborene Kinder bestimmt behindert sein würden... Die letzte Nachricht brachte einen kolossalen Rückgang der Geburtenzahlen, es wurde kein Risiko eingegangen. Monate danach kamen wieder keine guten Meldungen aus dem Horoskop. Man hatte ein neues Horoskop für drei Jahre gestellt - und die Stadt geriet in Panik. Die Bevölkerung stürzte zu den Medien:

"Die Heirat zwischen Löwe und Krebs wird nur drei Tage andauern...',

'Schütze und Skorpion werden niemals miteinander glücklich sein...",

"In der Hochzeitsnacht von Jungfrau und Fisch wird einer sterben..."
 

Die Heiratsanträge gingen auch erheblich zurück. Die Misanthropaner warteten ungeduldig auf das Erscheinen der neuen Nachrichten:

"Am Montag dürfen Stiere nicht draußen spazieren gehen..",

 "Am Dienstag ist das Unfallrisiko für Waagen besonders hoch...",

 "Mittwochs werden Zwillinge angegriffen..."

Misanthropa glich fast einer Geisterstadt. Es wurde auch geweissagt, dass ein frisch gewähltes Parlament bald Hunger und Not über die Stadt bringen werde...Die Bevölkerung der Stadt griff das Parlamentsgebäude an, die Schlacht tobte zwei Tage lang, es gab viele Opfer. In der Tagesordnung stand eine offene Frage:

Sein oder nicht sein?

Die Misanthropaner suchten immer noch Rettung in den Horoskopen. "Der Fehler liegt in unseren mangelnden Horoskopkenntnissen", sagten sie und versuchten, der Zukunft mit besseren Kenntnissen zu begegnen. In den Schulen ließ man Astrologie lehren. Das nächste Jahr brachte auch keine Wende. "Die Lebensmittel in den Supermärkten werden tödlich vergiftet sein", war deutlich zu lesen. Wer würde noch in Geschäften einkaufen?... In der Stadt brachen Hunger und eine Cholera-Epidemie aus. Viele wurden hingerafft... Aber die größte Prüfung stand noch bevor: In der Silvesternacht sollte die Bevölkerung der Stadt um die Hälfte weniger werden, so meldete ein frischerstelltes Horoskop. Doch es begann ein bisschen früher; viele konnten nicht so lang auf ihren Tod warten und starben im Voraus. Es wurden unzählige Fälle von Herzattacken gemeldet. In Misanthropa wurden drei Tage Trauer angeordnet. Etwas später wurde abends im staatlichen Fernsehen berichtet:

"Das Horoskopzentrum hat uns mitgeteilt, dass es in einem Monat so weit sei: In Misanthropa ist ein großes Erdbeben zu erwarten; unsere schöne Stadt wird völlig vernichtet."

Die Einwohner fingen an, die Stadt zu verlassen. Selbstverständlich hatten alle das erwartet… Nach einem Monat lebte kein einziger Mensch in Misanthropa, die Stadt lag völlig ausgestorben…

In den Horoskopen wurde nie mehr ein Wort über Misanthropa verloren.

 

 

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