Leseprobe Der Klub

 

Erstes Kapitel

 

Die Ankunft

 

1.

 

Ich schaute mich um. Ich befand mich in einer geschlossenen und stockdüsteren Kabine. Wie ein Fahrstuhl fuhr sie hoch, lautlos, immer schneller und schneller, gefühlt über mehrere hundert Stockwerke. Plötzlich stoppte sie abrupt. Einen kurzen Moment herrschte vollkommene Stille und es fühlte sich an, wie Ruhe vor dem Sturm. Dann passierte es: Es riss mir den Boden unter den Füßen weg und ich stürzte ins Bodenlose… Ich fiel und fiel, und im Fallen ließ ich alles hinter mir. Sorgen, Absichten, Pläne. Doch hatte ich überhaupt noch Pläne, hatte ich je Pläne gehabt? Wer war ich? Wohin flog ich? Wer steckte dahinter? Ich hörte auf zu fallen und begann zu fliegen. Ich flog und flog abwärts, als würde der Flug niemals enden, als würde ich mich von irgendetwas Schwerem lösen. Und ich wusste, dass alles gut gehen würde, ich würde sicher und friedlich landen. 

     War das ein Traum? Doch für einen Traum fiel ich zu lange. Im Traum folgt nach dem Sturz ins Leere ein Schrei und du wachst auf. Vielleicht bist du sofort hellwach, schweißgebadet, aber glücklich, dass der Spuk vorbei ist: Es war ja nur ein Traum und das Leben geht weiter. Aufstehen, duschen, Kaffee trinken, Zigarette in den Mund und hinaus in einen schönen sonnigen Tag. Doch dieses Mal wachte ich nicht auf, sondern fiel immer tiefer und tiefer. Wie lange, wusste ich nicht zu sagen. Stunden? Tage? Wochen? Monate? Oder vielleicht doch nur ein paar Sekunden? Plötzlich verlangsamte sich das Geschehen und nun schwebte ich wie eine Vogelfeder hinab, wie im Walzertakt, auf ein Ziel nach unten ausgerichtet. Alles um mich herum war schwarz, nicht das kleinste Geräusch war zu hören. Erstaunt stellte ich fest, dass ich kein Gewicht mehr hatte.

   Jegliches Erinnerungsvermögen war ausgeschaltet, keine Vergangenheit, kein Bezug mehr zu irgendetwas. Was geschah, war sofort vergessen. Da war nicht mal das Zweisekunden-Gedächtnis, das die Fische haben sollen. Nur das Geschehen unmittelbar im Jetzt war da, allein und einzig dieser außerordentlich angenehme Fall in die Tiefe...                                                                                                                  Die Landung wie in Zeitlupe, der zarte Fall ins Paradies. Wie ein Kissen, das nach einer erbitterten Kissenschlacht auf einem weichen Bett zur Ruhe kommt. Genug des Kampfes, jetzt bin ich da, wo ich immer hin wollte, der Kampf ist gewonnen. Jetzt folgt die Belohnung, ich kehre zurück in Mamas Schoß… Gesiegt, ganz oben angekommen, Grammy gewonnen, und nun warten tausende Fans auf die Ankunft am Flughafen…

    Ich richtete mich auf und sah mich um: Ich war auf ein schwarzes und weiches Trampolinbett gefallen.

 

2.

 

Langsam begann ich wieder zu empfinden und sah eine kalte Welt mit viel Ultramarinblau. Die karge Szenerie hätte überall auf der Welt sein können: Irgendwo in Alaska in einer Zeit ohne glitzernden Schnee oder in Afrika in einer Zeit ohne glühende Hitze. Am blauen Horizont ein Berg neben dem anderen, nirgendwo Bäume, nur seltsame Niederungen, Täler und Berge, Berge ohne Ende. Eine archaische Landschaft. Als ich in die Szenerie hinauszugehen versuchte, stieß ich mit dem Kopf an eine unsichtbare Wand. Ich erkannte, dass mich ein runder Raum mit durchsichtigen Wänden umfing und ich darin gefangen war.

  Ich begann um Hilfe zu rufen wie ein in der Wildnis Gestrandeter.                    

   „Hallo, Hallo… Ist hier jemand? Hört mich jemand?“ Schlug mit den Fäusten gegen die Wände. Keine Reaktion. Ich schrie und hämmerte wieder und wieder, versuchte es mit unterschiedlichsten Hilfeschreien, doch wieder hörte mich niemand.

   Ein Joke? „Versteckte Kamera“? Filmen die mich jetzt, wie ich die Fassung verliere und mir aus Angst in die Hose mache… Nein, diesen Spaß wollte ich den Jungs nicht bieten, ich würde nicht durchdrehen. Ich blieb einigermaßen cool, ging zurück zum Trampolinbett und strich über den schwarzen, fremdartigen Stoff. Er war gummiartig und leicht, roch nach nichts. Nie zuvor hatte ich eine Umgebung erlebt, in der absolut gar kein Geruch auszumachen war. Dazu diese gespenstische Stille, die mich schier überwältigte! Für gewöhnlich waren in so einer einzigartigen Natur Tiere, zumindest Vögel zu hören oder wenigstens ein kleiner Windstoß zu verspüren… Nichts dergleichen, alles schwieg, es flog und bewegte sich nichts.

  

 

3.

 

Es stand fest: Ich war eingesperrt. Normalerweise wäre ich kollabiert, aber nichts dergleichen, von Angst immer noch keine Spur, es war die reine Neugierde, die mich erfasste. Hatte sich jemand einen Spaß erlaubt, mich mit Drogen vollgepumpt und in eine bizarr künstliche Welt hineingeworfen?

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, hörte ich ein Geräusch: Als hätte jemand die Tür geöffnet. Und dann dieses Klackern, das jedem Mann das Herz höher schlagen lässt. Das Klackern von Absätzen! Der Gedanke, ein menschliches Wesen auf hohen Absätzen müsse einen Wahnsinnskörper haben, ist bei Männern wohl genetisch gespeichert. Ich irrte mich nicht: Eine junge, blonde Frau trat herein. Wohlgeformt, elegant und mit laszivem Hüftschwung. Doch ich stellte etwas Seltsames fest: Die Frau ließ mich kalt. Sie löste bei mir null sexuelle Regung aus. Wie konnte das sein? Solch ein Geschöpf, solch eine Bombe und es regte sich nichts bei mir? Mir war durchaus klar, dass ich angesichts meiner merkwürdigen, vielleicht lebensbedrohlichen Situation andere Sorgen hatte, aber trotzdem, so etwas war mir noch nie passiert.

  „Entschuldigen Sie, dass Sie so lange warten mussten, das kommt normalerweise nicht vor, aber dieser Sekretärinnen-Klub ist manchmal ganz schön geschwätzig… Eigentlich müsste ich jetzt im Urlaub sein, aber ich bin für eine Kollegin eingesprungen, die momentan eine Weiterbildungsveranstaltung besucht. Also, wie Sie sehen, gibt es zwei wichtige Gründe für meine Verspätung.“

   „Kein Problem“, sagte ich, auch wenn ich gar nichts verstand und es mit meinem verwirrten Gesicht wohl auch zum Ausdruck brachte.

   Die junge Frau ging darauf nicht ein und nahm Platz auf einem Stuhl, den ich bis zu diesem Moment gar nicht wahrgenommen hatte. Dann wischte sie mit der rechten Hand durch die Luft und siehe da, wie in einem Science-Fiction-Film: Ein mittelgroßer Bildschirm tauchte aus dem Nichts auf und blieb in der Luft schwebend vor ihrem Gesicht stehen. Sie strich mit ihren Fingern darüber und sagte:

   „Drogen!“

   Wie eine strenge Lehrerin, die alles hasst, was mit Spaß und Vergnügen zu tun hat. Als hätte sie mich in flagranti irgendwo erwischt und es nun an ihr läge, mich zu bestrafen.

   „Drogen und Alkohol verkürzen das Leben“, sagte sie.

   Aha. Das wusste ich auch zu Genüge, aber was wollte sie von mir und wer war diese Frau überhaupt? War ich vielleicht verhaftet? Sie guckte mich erstaunt an und deutete auf den Touchscreen:

   „Hier steht, dass Sie Musiker sind.“

   Das nicht genug, sie kannte auch meinen Namen:

   „Shay, versuchen Sie sich zu erinnern.“

   Bevor ich mich an etwas erinnern konnte, fragte sie mich, ob ich nur so tue oder wirklich nichts wisse?

 

 

4.

 

Als ob jemand auf den richtigen Knopf gedrückt hätte, kam die Erinnerung – ich hatte wieder eine Vergangenheit.

   Wie die High-Heels-Frau bereits erwähnte, bin ich Musiker, Sänger und Gitarrist der Band „The End“. Endlich startete unsere erste Amerika-Tour, und schon das erste Konzert in New York war ein voller Erfolg. Das, wofür wir die letzten zehn Jahre geschuftet hatten, schien langsam, aber sicher Früchte zu tragen. Das Publikum feierte uns begeistert, und statt als Vorgruppe zu spielen wollten sie uns nun plötzlich als Top Act hören.

   Dann die Backstage Party. Ich hatte vor dem Konzert jede Menge Amphetamine geschluckt und nach dem Konzert zogen wir uns wie immer jede Menge Wein, Schnäpse und Bier rein. Irgendjemand ließ immer wieder einen Joint kreisen. Es war viel los, viel Hektik, viel Aufregung, Groupies tauchten auf. Zum Morgengrauen brachte jemand Koks und wer hätte da nein sagen können.

   „Seit ich diesen Job hier mache, habe ich das noch nie erlebt“, sagte die High-Heels-Frau, „normalerweise weiß jeder Bescheid, was mit ihm los ist. Sie wissen also wirklich nicht, was mit Ihnen passiert ist?“

   „Nein, weiß ich nicht“, sagte ich genervt.

   „Dann muss ausgerechnet ich Ihnen die schlimme Nachricht überbringen, ich hasse das!“

   Sie schnappte nach Luft und machte eine Pause.

   „Shay!“

   „Ja?“

   „Auch wenn es Ihnen entgangen zu sein scheint… Sie sind tot.“

   „Tot?“

   „Tot!“

   „Blödsinn! Wie kann ich tot sein, wenn wir uns hier unterhalten?“

   „Nach Ihren Maßstäben sind Sie tot. Ihr Leben ist zu Ende.“

 

Die Erkenntnis selbst war schlimmer als der Tod. Auch wenn ich etwas in dieser Richtung geahnt hatte. Wer ist denn schon gern tot? Aber war die Frau sich denn hundert Prozent sicher? Oder war das Ganze eine miese Inszenierung? Musste ich tatsächlich von meinem eigenen Tod von einer Sekretärin mit durchsichtigem Rock und hohen Absätzen erfahren? Ich sei dermaßen zugedröhnt gewesen, dass ich meinen eigenen Tod nicht mitgekriegt hätte, kommentierte sie meine Verwirrung mit einem süffisanten Lächeln.

   Während sie sprach, stellte sich noch eine weitere Erinnerung ein: Das Krankenhaus. Beunruhigte, schnell hin und her laufende Menschen in weißen Kitteln, Schreie… Ein Arzt mit Brille und dann noch ein Typ, der regungslos auf einem Bett lag. Der Arzt und ein zweiter Mann beugten sich über den Typ und pressten mit ihren Fäusten immer wieder auf seinen Brustkorb, sie versuchten offensichtlich, ihn wiederzubeleben, aber der Typ lag weiter reglos da. Alle sahen ihm besorgt ins Gesicht, ich ebenso. Dann sah ich genauer hin.

   Ei, ei, ei. Aus dieser Perspektive hatte ich mich noch nie gesehen. Das muss man sich vorstellen, auf sich selbst herabzublicken, ausgestreckt auf einem Bett, mit geschlossenen Augen. So richtig bescheuert sah ich aus da unten. Der Gedanke behagte mir überhaupt nicht, dass auch die anderen mich so sahen. Doch ich konnte nichts tun, nicht mal die Frisur in Ordnung bringen. Die Umstehenden versuchten es erst gar nicht.

   „Sie haben Ihren toten Körper gesehen“, sagte die Frau.

 

Diese peinliche Erfahrung wird jeder machen müssen, der stirbt. Kurz vor der erlösenden Fahrstuhlfahrt siehst du deine sterblichen Überreste von oben. Meistens in der waagerechten Position. Du wünschst dir, diesen Anblick nie gehabt zu haben. Ein Schock! Man schämt sich dafür, sich den anderen so zeigen zu müssen. Schon allein wegen der Farbe. Dazu die Sorge: Was machen sie jetzt mit einem? Auch wenn man es hinter sich hat, ist man mit dem, was noch übrig ist, sehr wohl verbunden. Schließlich war dieser Körper da unten ein Leben lang dein Gehäuse, nichts hast du häufiger gesehen als deinen Körper. Du hast ihn wachsen sehen, jede Veränderung registriert, ihn geliebt, ihn gehasst. Die Vorstellung, irgendwelche fremde Menschen würden mich nackt ausziehen und mich von oben bis unten unter die Lupe nehmen, war mehr als unangenehm. Jedes noch so kleine Geheimnis deines Körpers, die kleinen Macken, die du stets zu verstecken wusstest, würden sie entdecken.

   Doch als Erstes gab es im Flur des Krankenhauses folgenden Dialog zwischen zwei blutjungen Schwestern:

   „Hey, hast du schon gehört? Drüben soll ein Rockmusiker liegen.“

   „Echt? Das ist ja spannend. Wie heißt er denn? Oder besser, wie hieß er denn?“

   „Warte, ich guck nach… Shay.“

   „Shay? Nie gehört.“

   „Ich auch nicht.“

   „Ich googel mal, wenn ich zu Hause bin.“

   „Erst zerlegen wir ihn.“

   „Ja, das machen wir.“

   „Oh Shit, ich habe mein Handy nicht dabei.“

   „Wozu brauchst du das denn?“

   „Na wozu wohl… Fotos.“

   „Fotos?“

   „Ja, ich mache immer Fotos, wenn da jemand nackt liegt.“

   Sie beginnen zu kichern. Sterben, das taten immer die anderen. Dass sie selbst einmal an der Reihe sein würden, kam ihnen nicht in den Sinn.

   Selbst wenn Fotos von nackten Leichen bis jetzt nirgendwo aufgetaucht sind, schlummern sie sicherlich in irgendwelchen privaten Archiven von Ärzten und Schwestern. Nur eine Frage der Zeit, wann sie den Weg in die Öffentlichkeit finden. Facebook wartet geduldig auf die nackten Überreste von Michael Jackson, Jimi Hendrix und den anderen.

   Inzwischen hat sich ein Arzt zu den beiden kichernden Schwestern gesellt. Auch er ist bester Laune und reißt einen Witz nach dem anderen, die jungen Schwestern stimmen begeistert in sein Lachen ein. Er sammelt Punkte bei den Schwestern, das kann er gut. Die drei beugen sich über den regungslosen Körper und der Arzt setzt ein Messer am Brustkorb an. Hey, hey, wartet doch, das ist mein Körper, ihr könnt doch nicht einfach… Ich will sie stoppen, ich will schreien und tue es auch, aber niemand hört meinen Schrei, das Messer setzt einen scharfen, langen Schnitt, sie beugen sich nach vorne und entnehmen ein blutiges Organ nach dem anderen.

   „Ich bin doch kein Schlachtvieh!“

   Sie hören dich nicht, schrei, so viel du willst.

   „So könnt ihr doch nicht mit Menschen umgehen!“

  

 

„Vergessen Sie Ihren toten Körper, er ist für Sie nicht mehr von Bedeutung“, sagte mir die Frau.

   Leichter gesagt als getan. Mein Körper hatte so viel durchgemacht, so viel aushalten müssen, aber auch so viel genießen dürfen. Dieser Körper hatte meinen Traum Wirklichkeit werden lassen: Meine Stimme ließ mich singen und meine Arme, Hände und Finger ließen mich Gitarre spielen. Meine Finger waren mit der Zeit immer besser geworden, schneller und beweglicher. Nur mein Körper hatte mir ermöglicht, all die tollen oder manchmal weniger tollen Ideen umzusetzen. Ganz zu schweigen von den vielen wunderschönen sexuellen Erfahrungen, die ich ihm verdankte.

   Vorsichtig betastete ich meinen Körper. Er war noch da, aber irgendwie auch nicht da. Ich sah ihn, fühlte ihn aber nicht mehr. Und die Stimme, meine Stimme, die ich so trainiert, geformt und verbessert hatte... Auch sie war nicht wirklich da. Ich sprach mit der High-Heels-Frau nicht im herkömmlichen Sinne. Es fühlte sich eher an wie in einem Traum.

 

 

5.

 

Wie es aussah, gab es hier weder Tag noch Nacht. Immerzu strahlte der Himmel über uns in seinem Ultramarinblau, ohne jede Veränderung. Er hatte keine Sonne, das Licht kam aber auch nicht aus der Steckdose. Es war einfach da, hell und unwahrscheinlich blau.

   Die Frage, ob es im Jenseits eine Hölle gibt, schien also geklärt, zumindest bis jetzt. Als ich von der High-Heels-Frau wissen wollte, ob Gott irgendwo im Spiel sei, schmunzelte sie nur und schwieg. Ich war erleichtert, dass die Hölle nicht existierte, auch wenn ich sie nicht wirklich erwartet hatte, aber das hier… Einen solch grotesken Empfang durch eine sexy Empfangsdame in High Heels hatte ich noch weniger erwartet. Wenn ich hin und wieder an den unausweichlichen Gast namens Tod dachte, hatte ich mir eher ein großes Nichts vorgestellt. So wie vor der Geburt, da wussten wir auch von nichts, uns gab´s nicht und wir verweilten in diesem allumfassenden Nichts.

   Die High-Heels-Frau bestätigte es mir offiziell, kein Himmel, keine Hölle. Es sei denn, ergänzte sie, du möchtest unbedingt in die Hölle, dann musst du dir sie einfach vorstellen und schon landest du in genau der Hölle, die du dir ausgemalt hast.

   Wie sich herausstellte, war die High-Heels-Frau meine Beraterin und sollte mir den Weg ins Jenseits ebnen. Jeder Mensch, der das Zeitliche segnete, bekam einen Berater an die Seite gestellt. Ich hatte das Glück, einen weiblichen Berater zu bekommen, noch dazu eine hübsche. Vielleicht steckte eine Absicht dahinter. Jemand da oben musste meine Leidenschaft für die weiblichen Geschöpfe berücksichtigt haben. Auch die ultramarinblaue Welt um mich herum musste einzig und allein für mich geschaffen worden sein, denn ich liebte die Farbe Blau. Jeder Neuzugang bekam offensichtlich entsprechend seiner Vorlieben eine auf ihn zugeschnittene Landschaft, Farbe und selbst Quadratmeterzahl des Raumes. Um uns herum gab es abertausende Räume, Welten, wo die „Neuen“ in Empfang genommen und befragt wurden.

   Meine Beraterin forderte mich auf, Platz zu nehmen. Im Raum gab es keinen freien Stuhl mehr, doch kaum stellte ich mir einen Stuhl vor, tauchte plötzlich einer auf. Ein Stuhl aus meiner Wohnung. Ich nahm darauf Platz. Meine Beraterin wischte auf ihrem Touchscreen herum, trällerte vor sich hin und versicherte mir, sobald die Formalitäten erledigt seien, könnte ich einen Blick nach draußen werfen, wenn ich es wollte. Auch meine Beerdigung verfolgen.

   Ich war mir nicht sicher, ob mir der Sinn danach stand. All die traurigen Gesichter, schwarz gekleidete Menschen, Weltuntergangsstimmung. Und dann diese Reden, die die Vergangenheit beschwören, als würde es mich nicht mehr geben. Für die Hinterbliebenen war ich zwar tot, aber ich existierte ja noch. Außerdem, warum sollte ich meine eigene Beerdigung besuchen, wenn ich mich nie auf den Beerdigungen anderer gezeigt hatte? Eine seltsame Vorstellung wäre das!

   Eines stand aber fest: „The End“, meine Band, mein Baby, mein Lebenselixier war tot. Vielleicht noch toter als ich jemals würde sein können. Ich hoffte sehr, die Jungs würden nicht auf die Idee kommen, sich einen neuen Sänger zu suchen, das geht meistens schief. Es blieb nur, dass sich die Band einfach auflöste.

   Meine Beraterin trällerte immer noch (Mozarts „Rondo alla Turca“) und las dann laut vom Bildschirm ab:

   „Gestorben mit 27. An einer Überdosis Heroin.“

 

 

6.                                                                       

 

Ich war kein Kind von Traurigkeit, habe alles an Drogen ausprobiert, aber Heroin? Die Info war schlicht und einfach falsch! Junge Musiker spritzten sich kein Heroin mehr, das war völlig out. Niemand wollte wie ein Junkie aussehen, es gab genug andere Sachen. Du musstest schon sehr down sein, um das zu tun, tief, ganz tief unten musstest du sein. Heroin galt als etwas total Indiskutables, ein One-Way-Ticket zur Hölle. Man war schließlich aufgeklärt genug, um die Finger davon zu lassen. Ich kannte niemanden in der Szene, der Heroin spritzte.

   Meine Beraterin bestand jedoch darauf, dass ihr Computer richtig informiert war, Computer können nicht irren. Ich hakte nach, wer überhaupt für die Daten in ihrem Computer zuständig sei? Diese Frage überforderte sie und mir kam der Verdacht, dass die High-Heels-Frau vielleicht auch eine Maschine war? Ein Teil eines Computernetzwerks, der auf Mensch machte? Dann hätte eine Diskussion mit ihr wenig Sinn gehabt. Streit wollte ich in den ersten Stunden nach meinem Tod ebenso vermeiden wie gefälschte Informationen über mich. Vermutlich waren diese Infos über die irdischen Medien durchgesickert, die selbstverständlich meinen Tod mächtig aufbauschten und alle nur möglichen Lügen über die näheren Umstände in die Welt posaunten.

   Ich verlangte von der High-Heels-Frau, eine Korrektur der Informationen über mich vorzunehmen, und wurde ganz schön nervös, begann im Raum hin und her zu laufen. Mein Markenzeichen seit meiner Kindheit, die ständige Bewegung von Punkt A zu Punkt B und zurück leistete mir bei Problemlösungen gute Dienste. Wenn eine Idee stockte, legte ich auf diese Weise pro Tag Hunderte von Kilometern zurück.

   „Von mir aus“, sie löschte die falsche Info, „Shay! Mir ist es völlig egal, woran Sie gestorben sind und ob Sie ein Junkie waren. Befreien Sie sich von irdischen Vorstellungen. Wollen Sie sich nicht wieder setzen?“

   Nein, ich wollte mich nicht wieder setzen. Das Sitzen machte mich noch nervöser, ich spürte, wie mir vieles hochkam. Vor allem der absolut beschissene Zeitpunkt meines Todes, so kurz nach dem Erscheinen unseres neuen Albums. Es war einfach nicht fair!